Nein zum Nazi-Aufmarsch am 1. Mai 2008 in HH Barmbek!

Das Stadteilkollektiv rotes Winterhude setzt sich mit der nationalbolschewistischen Variante der Nazipropaganda, die beispielsweise in deren Losung „Eine andere Welt ist möglich: mit nationalem Sozialismus!" zum Ausdruck kommt, auseinander:
„Nation" und „Rasse" als Antwort auf die soziale Frage? Nein! Zum Nazi-Aufmarsch am 1. Mai 2008 in Barmbek
Unter dem Motto „Arbeit und soziale Gerechtigkeit für alle Deutschen" trommeln Hamburger Nazis zum 1. Mai 2008 für einen Marsch durch Barmbek. Der Aufruf wird getragen vom Hamburger Landesverband der NPD, ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten und sogenannten Freien Nationalisten. Die Mobilisierungshomepage liefert ein gutes Beispiel für einen Rechtskurs, der als Nationalbolschewismus bezeichnet wird. Er steht in der Tradition nationalrevolutionärer Strömungen der Weimarer Zeit und der SA und gibt sich ausgesprochen klassenkämpferisch. Zudem sind inhaltliche und symbolische Anleihen bei der Linken nicht zu übersehen, sie reichen von historischen Exkursen in die Geschichte des 1. Mai bis hin zur Parole: „Eine andere Welt ist möglich: mit nationalem Sozialismus!"
Die Mär vom „nationalen" oder auch „deutschen Sozialismus" lässt sich bis ins 19. Jahrhundert und in die Schriften des Antisemiten Eugen Dühring zurückverfolgen. In der von den Nazis präsentierten Form hat sie, wie auch der eng mit ihr verbundene Begriff der „deutschen Volksgemeinschaft", ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg. Allerdings war sie eine wenig proletarische Schöpfung, sondern wurde als weltanschauliche Begleitmusik zum großen Schlachten von deutschen Professoren in die Welt gesetzt. Als ihre Väter gelten u. a. Johann Plenge und Werner Sombart, beides zunächst der SPD nahestehende Nationalökonomen. Ihr Kern war eine recht schlichte Konstruktion des bedingungslosen nationalen Zusammenhalts in Notzeiten, in der die Theorie einer gesellschaftlichen Solidargemeinschaft des Proletariats durch die einer Schicksalsgemeinschaft der Nation ersetzte wurde. Mit einer ähnlichen Argumentation wurde auch die Bewilligung der Kriegskredite von der SPD erreicht. Als sich die deutsche Situation im Ersten Weltkrieg zunehmend verschlechterte, verordneten Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg als faktische Militärdiktatoren dem Land eine militärisch organisierte Kriegsplanwirtschaft. Da diese Mobilisierung sämtlicher nationaler Ressourcen auch den Unternehmern einige Konzessionen abverlangte und von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften mitgetragen wurde, glaubte man, mittels deutscher Organisation die soziale Frage endgültig gelöst zu haben. Der Krieg ging verloren, aber das Hirngespinst einer in der Nation aufgelösten Klassenfrage überdauerte die Niederlage und entwickelte in den Folgejahren immense Anziehungskraft.
In der Weimarer Republik löste auf Seiten der Rechten der völkische Nationalismus den alten kaisertreuen Konservatismus ab. In der so gewonnenen neuen Nationalidentität konnte die deutsche ArbeiterInnenschaft in den Volkskörper
In der Weimarer Republik löste auf Seiten der Rechten der völkische Nationalismus den alten kaisertreuen Konservatismus ab. In der so gewonnenen neuen Nationalidentität konnte die deutsche Nationalidentität konnte die deutsche ArbeiterInnenschaft in den Volkskörper integriert werden, während man beispielsweise Kriegsgegnerlnnen aus der ideellen und Jüdinnen und Juden aus der nunmehr rassisch definierten Nation ausschloss. Als Reminiszenz an die Kriegswirtschaft verschmolz Ernst Jünger die Figur des Arbeiters mit der des Soldaten zur düsteren Zukunftsvision einer militärisch organisierten Industriegesellschaft. Ihm und seinen Gesinnungsgenossen galt es, die politische Revolution von 1918 in eine nationale Revolution umzuwandeln und eine Wiedergeburt des untergegangenen deutschen Imperiums zu erreichen. Der jungkonservative Publizist Arthur Moeller van den Bruck gab mit der Parole „Jedes Volk hat seinen eigenen Sozialismus" das Motto vor. Der Gedanke eines dergestalt vom Marxismus befreiten (und damit auch entjudeten) Sozialismus' erfreute sich in verschiedenen nationalistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit großer Beliebtheit. Er bot sich an, um die weiter bestehenden sozialen Ungleichheiten zumindest durch eine gefühlte Gemeinschaft zu kompensieren. Der italienische Faschismus hatte eine ähnliche Weltanschauung entwickelt. Während Enrico Corradini und Benito Mussolini in Italien verkündeten, das Land sei eine proletarische Nation, vertrat Moeller van den Bruck diese Ansicht für das Deutsche Reich.
Manche der nationalbolschewistischen Theoretiker glaubten, auch in der Sowjetunion die russische Variante des nationalen Sozialismus zu erkennen; der Abschied der Komintern von der Strategie der Weltrevolution und Stalins These vom Sozialismus in einem Land kamen ihnen dabei sehr entgegen. Angesichts dessen, dass das deutsche Militär als Schwarze Reichswehr bereits geheim mit der Sowjetunion kooperierte, um die Abrüstungsauflagen des Versailler Vertrages zu unterlaufen, war selbst dieses Konzept wenig revolutionär. Dennoch konnte sich auch in der Hamburger KPD eine nationalkommunistische Strömung um Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim bilden, die für Nation und Sozialismus den Klassenkampf zum Völkerkampf umdeuteten. Auch während der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich setzten die Kommunisten mit dem Schlageter-Kurs kurzzeitig auf die nationale Karte. Identitätsstiftend für die heutigen Nazis ist aber der nationalbolschewistische Flügel der NSDAP, der sich um die Gebrüder Strasser und die norddeutsche nationalsozialistische Ar
Arbeitsgemeinschaft sammelte. Die Strömung geriet bald in Konflikt mit dem Führungsanspruch des Münchner Flügels der Partei um Adolf Hitler. Einige verließen als Schwarze Front die Partei, andere wie Heinrich Himmler oder Joseph Goebbels wechselten die Seite, und wieder andere fielen 1934 parteiinternen Säuberungen zum Opfer. Die ideologischen Unterschiede zu Hitler waren jedoch marginal, insbesondere im Antisemitismus war man sich einig.
Der Nationalbolschewismus ist eine Chimäre, der die Nazis hinterherlaufen, wenn sie sich in einer Kampfzeit wähnen. Er eignet sich in krisenhaften Phasen zur Agitation gegen alles Undeutsche mit radikalen und sozialen Phrasen. In einer Zeit, in der die emanzipatorische Frage kaum noch und die soziale Frage nur als Standortfrage in den Köpfen der Menschen existieren, vertraut der Nationalbolschewismus auf ein Bild des Kapitals als eine von fremden Mächten gesteuerte abstrakte Gewalt, die heuschreckenartig über die Früchte ehrlicher Arbeit herfällt. Entsprechend geistert durch die Kampagne der Hamburger "Kameraden" die Figur des jüdischen Kapitalisten, der mit migrantischer Hilfe das deutsche Volk ausbeutet. Mittels der geforderten nationalen Revolution gegen US-Imperialisten und Zionisten soll auch die soziale Frage gelöst werden. Da solch Aberglaube auch in linken Kreisen beliebt ist, setzt man ganz rechts durchaus auf eine gemeinsame Querfront mit anderen antikapitalistischen Kräften. Die Nazis werden am 1. Mai 2008 in Barmbek in Tradition von Schwarzer Front und SA das alte Gewäsch von der Volks- und Schicksalsgemeinschaft als Antwort auf die soziale Frage propagieren, garniert mit den obligatorischen Trommeln, Fahnen und Marschkolonnen. Man sollte ihnen mehr entgegensetzen als ein „Nazis raus!" Quelle: fsk transmitter - april 2008, Seite 10 f.
Quelle: Rotes Winterhude